Glutenfreie Ernährung: Wie strikt ist zu strikt?

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Die lebenslange streng glutenfreie Diät (GFD) ist zur Zeit die einzig wirksame Therapie bei Zöliakie. Jedoch variieren sowohl die Diätadhärenz der einzelnen Betoffenen, als auch die individuelle Adhärenz im Verlauf der GFD.

Die lebenslange streng glutenfreie Diät (GFD) ist zur Zeit die einzig wirksame Therapie bei Zöliakie. Jedoch variieren sowohl die Diätadhärenz der einzelnen Betroffenen, als auch die individuelle Adhärenz im Verlauf der GFD. Dies ist eine Herausforderung in Studien zur Beurteilung von Therapiekonzepten, wenn Adhärenz als ein Endpunkt oder eine Kovariate quantitativ bestimmt werden soll.

Wie misst man die Adhärenz?

Zu den validierten Messinstrumenten für GFD-Adhärenz gehören der Celiac Disease Adherence Test (CDAT), das Gluten-Free Eating Assessment Tool (GF-EAT) und der Biagi-Score. Obgleich jedes dieser Messinstrumente Adhärenz als einen eindimensionalen Parameter betrachtet und davon ausgeht, dass maximale Adhärenz das gewünschte Outcome ist, ist in den letzten Jahren deutlich geworden, dass strikte Adhärenz mit Angstzuständen und Hypervigilanz einhergehen und so die Lebensqualität der Betroffenen beeinträchtigen kann. Eine in der Kontrollbiopsie nachgewiesene Schleimhautheilung gilt allgemein als ein wünschenswerter Endpunkt. Allerdings scheinen gerade diese Patienten ein erhöhtes Risiko für eine neu diagnostizierte Angststörung zu haben; dies untermauert die Vermutung, dass übertriebene Adhärenz die mentale Gesundheit belasten kann. Mit der  neu entwickelten Coeliac Disease Food Attitudes and Behaviors Scale (CD-FAB) steht nun ein Messinstrument zur Verfügung, um den Einfluss einer glutenfreien Ernährung auf Einstellungen, Verhalten und Lebensqualität der Betroffenen zu beurteilen.

 

Fehlinformationen im Internet

Kürzlich veröffentlichte Studien haben auch das Phänomen untersucht, dass Menschen unter GFD bestimmte Lebensmittel fälschlicherweise als nicht glutenfrei und dabei nich sicher identifizieren. Die Nutzung von Internetseiten und Foren mit falschen Informationen zu glutenfreien Nahrungsmitteln wie beispielsweise Kaffee und Maltodextrin dürfte dieses Phänomen noch verschärfen. Solche Fehlinformationen können Betroffene zu übertriebenen diätetischen Restriktionen verleiten und in einigen Fällen zulasten der Allgemeingesundheit gehen: So besagt eine vorherrschende Meinung insbesondere in den USA, die jeder faktischen Grundlage entbehrt (und die in der Population mit  Gluten-Weizensensitivität verbreiteter ist als in der Population mit Zöliakie), dass der Grippeimpfstoff glutenhaltig ist. Studien haben zudem gezeigt, dass Menschen mit Gluten-Weizensensitivität gegenüber Zöliakiepatienten mit einer höheren Wahrscheinlichkeit weitere Lebensmitteleinschränkungen haben (z. B. Milch-, Soja- und Eiprodukte). Trotz der potenziell problematischen Folgen übermäßiger diätetischer Restriktionen gibt es Daten, die eine zusätzliche diätetische Einschränkung in ausgewählten Fällen unterstützen. So wurde zum Beispiel die „Gluten Contamination Eliminating Diet“ (GCED, „Fasano-Diät“), ein restriktiveres Konzept der Glutenvermeidung, in einer Kurzzeitstudie an Patienten mit Zöliakie und anhaltender Symptomatik und Zottenatrophie beurteilt. Diese Diät führte in einer Fallserie nachweislich zur Heilung der Darmzotten. Es bedarf weiterer Studien, die sich vornehmlich mit Strategien für eine GFD befassen, die nicht zu restriktiv und mit einer hohen Lebensqualität vereinbar ist, um die strikte GFD-Adhärenz zu maximieren.

Autor: MD., MS Benjamin Lebwohl

MD., MS. Benjamin Lebwohl im Interview - Adhärenz zur GFD 4. Expertmeeting, November 2018, Burgstall